zwischenZeit – zwischen holder Knabe und unschuldig am Kreuz

Kategorie(n): alle Gemeinden, Allgemein

Der andere Jesus?

Der „liebe Jesus“ – wie blicken wir auf ihn?  In verklärender Sicht in „weihnachtlicher Idylle“ geboren, wird er in jeder Verkündigung als der gute, menschenfreundliche, gewaltlose und selbstlose Sohn dargestellt.

Zu schön, um wahr zu sein – zu glatt, um Bestand zu haben?

Ist er nicht der stadtbekannte Junge aus Nazareth…

  • der – wie seine Geschwister (Mt 12,46) – in Patchwork-Familienverhältnissen aufwächst?
  • dem im Lukasevangelium ein Zimmermann namens Josef als Vater zur Seite springt, um die „Heilige Familie“ der Weihnacht abzubilden, der aber bald danach in der Erzählung wieder spurlos verschwindet?
  • Ist es nicht der, der sich sein Leben lang mit seinem Vaterbild auseinandersetzt, ja daran aufreibt?
  • der schon als Jugendlicher (im Größenwahn) mit den höchsten Gelehrten diskutiert und die heiligen Schriften mit Vollmacht neu auslegt, der sich anmaßt, die gängige Meinung als Pubertist zu hinterfragen (Lk 2,41 ff)?
  • Ist es nicht der junge Mann, der sich – gemessen an der damaligen Lebenserwartung – in der Midlife-Krise in die innere und äußere Wüste zurückzieht und sich dabei radikal auseinandersetzt mit seinem Ich, seiner Berufung, seinem Gott (Lk 4,1ff)?
  • der danach auftritt mit einem Selbstverständnis und einer inneren Macht, die sich nicht aus legitimierter gesellschaftlicher Zuschreibung speist, sondern die er vielmehr aus seinem Inneren nimmt und aus der Überzeugung, diese Macht in ihm sei „sein Gott“ (Lk 4,28-30)?
  • der ab diesem Zeitpunkt das bürgerliche Leben verlässt und als Wanderprediger durch das Land zieht – nicht als Asket, eher als einer, der sich aushalten lässt und als Fresser und Säufer verschrien wird (Lk 7,34)? Welches Vorbild!
  • Welches Vorbild, das die staatliche und religiöse Macht in ihrer Legitimität in Frage stellt und sich widersetzt, das abfällig über Sadduzäer und Pharisäer redet (Mt 23,23/24), das Gewalt anwendet, wenn Dinge nicht seiner Überzeugung entsprechen (Mt 21,12-17)!
  • einer, der sich mit einer Schar von Freunden und Freundinnen umgibt, der auch den kleinen Luxus und die Entspannung nicht verschmäht (Joh 12,3)?
  • der auf die Menschen zugeht, die verachtet am Rande stehen (Mt 9,11)? Der jene, die seinem Weg folgen können, im Inneren heilt, sie annimmt und ihnen wahrhaft neues Leben schenkt (Joh 11)?
  • Ist er nicht auch der, der seine Freunde anherrscht, wenn sie blind sind und ihm nicht folgen können, wenn sie in seiner Welt nicht ankommen können (Mk 8,7)?
  • Es ist der Jesus, der das Ideal der Familie zerstört und seine Mutter vor den Kopf stößt (Joh 2,4), in einer frei gewählten Gemeinschaft lebt, die die Familie ersetzt, der nicht danach fragt, wie die Betriebsnachfolge geregelt wird, wenn er den Familienbetrieben die Nachfolger entreißt (Mt 4,18-22).
  • er, der am stärksten ist, wenn er mit seinem Vater im Himmel eins ist (Joh 10,30), um im letzten Moment des Sterbens seine Gewissheit in Zweifel aufgelöst zu erleben (Mt 27,46).

Dieser Jesus ist es, den uns die Bibel – die heilige Schrift, die frohe Botschaft – vor Augen führt. Jesus ist einer, den das Leben und die Frage nach seinem Gott nie in Ruhe lassen. Einer, der Leben schenkt und Lebensgewissheiten zerstört – beides.

Der biblische Jesus ist eben viel mehr – viel differenzierter und herausfordernder als „das liebe Jesulein“.

Können und wollen wir uns ganz auf ihn einlassen? Dass das eine fruchtbare Begegnung wird, das wünsche ich Ihnen und mir.

Gemeindereferent Michael Loogen

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