Fasten liegt im Trend, denn die positiven gesundheitlichen Wirkungen von vernünftig durchgeführten Fastenzeiten sind unbestritten. Die Regale in den großen Buchhandlungen sind voll mit Büchern zum Thema Heilfasten, Intervallfasten oder Scheinfasten (im Englischen „Fasting Mimicking Diet“). Auch im Internet finden sich verschiedenste Anleitungen, wie wir uns durch zeitweiligen Verzicht etwas Gutes tun können.
In der Regel liegt dabei der Fokus auf dem Essen. Beliebt ist zum Beispiel, für eine Weile Süßigkeiten und generell Zucker, Fleisch, Milchprodukte, Weißmehl, Kaffee und Alkohol von der Speisekarte zu streichen. Viele Fastenkuren haben zum Ziel, dass der Körper Übersäuerung abbaut oder auf gespeicherte Fettreserven zurückgreift. Diese Umstellungen können einen Reparatur- und Selbstreinigungsprozess des Körpers in Gang bringen. Der Stoffwechsel wird verbessert, das Immunsystem regeneriert und Selbstheilungskräfte werden aktiviert.
Heilsame Enthaltsamkeit und Verzicht können wir darüber hinaus auf andere Lebensbereiche ausdehnen – z.B. die Zeit, die wir mit digitalen Medien oder vor dem Fernseher verbringen.
Auch in dieser Hinsicht kann es sehr lebensförderlich sein, wenn wir unseren Konsum hinterfragen, Gewohnheiten überdenken und ein neues Maß finden.
Beim Fasten im religiösen Kontext kommen für viele Menschen spirituelle Dimensionen hinzu. Sehr viele Religionen kennen Zeiten des Verzichts und unterschiedliche Formen von Enthaltsamkeit, die dazu beitragen sollen, innere Ruhe zu finden, Dankbarkeit zu entwickeln und den Blick für das Wesentliche in unserem Leben und in unserem Zusammenleben neu zu schärfen.
Die christliche Tradition des Fastens in der Vorbereitung auf das Osterfest ist sehr alt und geht auf die frühe Kirche zurück. In Anschluss an die damalige Praxis frommer Juden etablierte sich noch vor Ende des 1. Jahrhunderts die Gewohnheit, an zwei Tagen der Woche zu fasten.
Allmählich wurde es dann üblich, in Vorbereitung auf die jährliche Gedächtnisfeier von Tod und Auferstehung Jesu Fasten-tage einzuhalten. Im 3. Jahrhundert hatte sich die Praxis verbreitet, die sechs Tage vor dem Osterfest, also die ganze Karwoche, zu fasten. Im 4. Jahrhundert wurde schließlich ein vierzigtägiges Fasten vor Ostern üblich. Eine Rolle spielte dabei sicher die biblische Erzählung von Jesus, der 40 Tage in der Wüste war, bevor er mit seiner Verkündigung begann (Mk 1,13).
Ich selbst verstehe die Fastenzeit als eine Zeit, die mir dazu dienen soll, meiner Sehnsucht nachzuspüren. „Was nährt meine Seele?“, ist für mich während der Fastenwochen die zentrale Frage.
In den 40 Tagen der inneren Vorbereitung auf Ostern verzichte ich schon seit vielen Jahren immer wieder weitgehend auf Fleisch, Kaffee, Zucker und Alkohol – und ich spüre deutlich, dass diese Reduktion nicht nur meinem Körper zu mehr Gesundheit verhilft. Denn der Verzicht hilft mir, mich zu sammeln und meine Aufmerksamkeit auf andere Aspekte meines Lebens zu lenken: Kunst und Kultur, Bewegung, Meditation, Ruhe, die Beziehung zu Gott, zu meinen Mitmenschen, zur Schöpfung (der mehr als menschlichen Natur) und mir selbst – dies alles rücke ich wieder mehr in den Mittelpunkt. Diese alljährliche Neuausrichtung lässt mich gestärkt ins Frühjahr gehen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine frohe und kraftvolle Fastenzeit, mit der Osterhoffnung im Herzen und der Lust, alte Gewohnheiten zu hinterfragen und Neues auszuprobieren.
Herzlichst, Ihre
Gemeindereferentin Susanne Gerhards
